Kerpen-Brueggen

Geschichte und Geschichten

Die helige Lin

Die Seherin aus Brüggen In Brüggen lebte gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine fromme Frau, Helene Wallraf, genannt "die helige Lin".

Sie setzte durch ihre Prophezeiungen die Leute in Erstaunen.

Über diese Helene Wallraf wurden bereits in der Zeit von 1820 - 1830, mehr noch in den Jahren von 1846 - 1850 zahlreiche Schriften veröffentlicht. So wurde sie in den Weissagungen von Spirago "Der große Monarch", als außergewöhnliche Frau erwähnt.

In den "Prophetenstimmen" oder in der Schrift " Obereinstimmung der Weissagungen des Holzhauser" (Druck Creteu, Köln) heißt es von der 1801 verstorbenen H. Wallraf: "Diese Helene von Brüggen erscheint von allen Sehern die denkwürdigste und auffallendste Erscheinung. Die Vergangenheit und Zukunft der Menschen scheint offen vor ihr gelegen zu haben. Sie war im Rufe der Heiligkeit; denn da sie ihrer Umgebung oft die verborgensten Gedanken des Herzens aufdeckte, so fürchtete und floh man sie und nannte sie eine Hexe. Ihre Enthüllungen über die Zukunft sind von ihrem Pfarrer aufgezeichnet worden, dem sie dieselben in die Feder diktierte. Eine Reinschrift ist dem letzten Kurfürsten von Köln, Max Friedrich, eingesandt und lieget im Archiv zu Wien. Ihre "Disposition", erzählte jener Pfarrer, "umfaßte die ganze Welt, alle einzelnen Reiche. Das Volk werde die Macht an sich reißen und sie behalten. Handel und Gewerbe werden frei sein und eine Nationaltracht werde eingeführt. Die Russen werden in ihre alten Grenzen zurückgedrängt. Österreich wird wegen der ungerechten Teilung Polens schwer heimgesucht, Frankreich wird in viele Teile zerrissen werden. Nicht Geburt noch Stand, nicht Rang noch Protektion wird ein Amt erhalten, sondern das Verdienst. Die gottlosen Priester werden hart vom Volke mitgenommen. Alsdann werden alle Stände von einem wahrhaft frommen Sinn durchdrungen sein. Gerechtigkeit und Friede werden auf Erden herrschen. Ein unbeachteter Fürst, dessen Haus viel durch die Ungunst der Zeit gelitten hat, wird der Weit diesen Frieden geben. Der flüchtige Papst wird in Köln residieren, aber nur vier Kardinäle haben."

Der ehemalige Rektor der Volksschule in Brüggen, M. Klein, der sich um die Heimatgeschichte sehr verdienstvoll bemühte, hat auch viele Jahre hindurch authentisches Material über die Prophezeiungen der H. Wallraf zusammengetragen. Rektor M. Klein schreibt in seinen Aufzeichnungen: "In der Schulchronik von Brüggen, die ich seit dem 1. September 1899 führte, verzeichnete ich nicht nur die von mir gesammelten Sagen von Brüggen, sondern auch einen Teil der landläufigen Prophezeiungen der H. Wallraf, wie ich sie von meinem Großvater und den alten Einwohnern von Brüggen gehört hatte: über den Heerweg (jetzige Heerstraße) würden Wagen ohne Pferde laufen; der Brüggener Berg (Ville) würde abgetragen und dem Tale gleichgemacht; die Frauen würden Oberkleider wie die Männer tragen; von Brüggen aus könne man den Kölner Dom sehen; auf "Bocks Kamp" (Flurbezeichnung) würde ein Kloster gebaut werden.

Von nah und fern pilgerten die Leute zu ihr. In Notzeiten veranstaltete sie Prozessionen, die eine große Beteiligung aufwiesen. Die Brudermeister wurden von vielen Bürgern des Dorfes als "Apostel" beschimpft. Es wurde erzählt, daß sie auf ihrem Gartengrundstück (gegenüber vom Pastorat) begraben worden sei, und statt ihrer Leiche habe man Steine zum Kirchhof nach Kierdorf getragen." Rektor M. Klein fährt in seinen Aufzeichnungen fort: "Um 1900 hatte ich das "Büchlein des Trostes" gelesen, aufgeschrieben von ihrem Manne Wilhelm Horst. Sie selbst konnte weder lesen noch schreiben. Durch Zufall fand ich im Sommer 1936 ihr Testament, das sie ihrem Gatten am 14. August 1801 auf ihrem Sterbebett diktiert hatte, ebenso ein Kästchen mit Reliquien der Aachener Heiligtümer, von einem Erzpriester aus Aachen versiegelt, und es fand sich noch ein Exemplar einer 1849 gedruckten Schrift über ihre Prophezeiungen im Nachlaß des 1917 im Alter von 97 Jahren verstorbenen Lehrers von Kierdorf, Josef Elvenich. 

Das Büchlein war verfasst von Pastor Engelbert Heinen aus Eckenhagen, später in Aix, einem Neffen des Pastors Benedikt Heinen, von 1781 1834 Pastor von Kierdorf, dem H. Wallraf ihre Offenbarungen in die Feder diktiert hatte." Pfarrer Engelbert Heinen, der mit seinem Oheim Benedikt Heinen selbst über Helene Wallraf gesprochen hatte, schrieb in dem 1849 in Euskirchen gedruckten Buch der Prophezeiungen wie folgt: "Das Feuilleton der Kölnischen Zeitung vom 7. August 1849 enthält unter der Oberschrift "Prophetenstimmen" folgende Mitteilung von Leo Schücking: "Eine rheinländische Wahrsagerin, Helene Wallraf aus Brüggen sagt: Frankreich wird in vier Teile zerrissen werden ... (usw.). Wir (Pfarrer Heinen) lassen dieser Mitteilung von L. Schücking die Äußerung des jetzigen Pfarrers Schmitter, welche in der Kölnischen Zeitung Nr. 208 vom 31. August enthalten ist, folgen. In Nr. 187 der Kölnischen Zeitung sind einem Buche "Prophetenstimmen", herausgegeben von Beykirch, Paderborn 1849, Angaben über eine gewisse Helene aus Brüggen bei Lechenich entlehnt. Dieselbe wäre danach ein Wunder allen Prophetentums gewesen. Diese Helene steht unserer Zeit noch ziemlich nahe. Sie ist am 14. September 1801 gestorben und liegt hier in Kierdorf begraben, wozu auch die Gemeinde . . . gehört. 

Mehrere Einwohner der genannten Gemeinde und der Umgegend haben diese Frau gekannt. Ich habe darüber mancherlei Erkundigungen eingezogen und das Resultat geht dahin, daß sie höchstens eine nicht ganz gewöhnliche Bauersfrau gewesen ist, die aber von dem schlichten Pfarrer und den guten Bauersleuten als eine heilige, besonders begnadete Frau verehrt wurde. Ich möchte deshalb den Herausgeber der "Prophetenstimmen" bitten, die Quellen anzugeben, woraus er die Nachrichten über diese Helene geschöpft hat, die er mit so großartigen und fabelhaften Prophetengaben ausgeschmückt in die Weit schickt, wenn doch zuletzt so gar nichts dran ist." Der Pfarrer von Kierdorf. (Schmitter war Pfarrer in Kierdorf von 1841 1872.)

Pfarrer Heinen jr. fährt fort: "Unbekannt mit den Quellen, woher beide schöpfen, zumal der 1834 verstorbene Pfarrer Benedikt Heinen zu Mitteilungen wenig geneigt war, finden wir uns durch obenstehende Äußerung veranlaßt, die Beurteilung der Sache und der fraglichen Person sowie ihre Schrift "Büchlein des Trostes", Nachrichten und Zeugnissen aus dem Munde des verstorbenen Jubelpfarrers (1781 1834), seinen nachgelassenen Papieren und anderen bewährten Augenzeugen zu unterbreiten." 

 Pfarrer Heinen jr. beginnt dann mit seinem Bericht, den er aus den o. a. Unterlagen zusammenstellte, wie folgt: "Drei Stunden von Köln lieget in anmutiger und fruchtbarer Gegend die alte Pfarre Kierdorf. Dieses Dorf lehnt sich an die königlichen Waldungen, welche von Brühl und Liblar hinüber nach Köln sich erstrecken. Anmutige Hügel bieten reizende Aussichten in dieser stillen Landschaft. Unweit Kierdorf, etwa eine Viertelstunde entfernt, finden wir das Dorf Brüggen, zum Pfarrbezirk Kierdorf gehörig. Die Bewohner dieser Dörfer zeichnen sich durch frommen Sinn und kindliche Anhänglichkeit an die Kirche vorteilhaft aus. Zu Brüggen wurde Helene Wallraf am 1. Juli 1752 geboren. Ihre Eltern hießen Reinhard Wallraf und Helene Krings. In der Zeit war das Schulwesen wenig oder gar nicht geordnet. Es lag in der Sitte der Zeit, auf den Schulbesuch nur soviel Gewicht zu legen, als das Lebensbedürfnis es erforderte. Die kirchliche Bildung zur gewissenhaften Ausübung der Religion stand obenan. Daher kam es, daß Helene zwar kirchlich fromm erzogen wurde, aber weder lesen noch schreiben konnte. Am 4. Adventssonntag 1781 ward mein Oheim von Marienstadt als Pfarrer nach Kierdorf gesandt. Über diese Pfarrstelle übte der Prälat von Marienstadt das Patronatsrecht, welche diese Abtei mit dem Kloster Bottenbroich an sich gebracht. Schon in der ersten pfarramtlichen Wirksamkeit stand die etwa 26jährige Jungfrau Helene vor ihm, vorgebend, sie sei von Gott gesandt, ihn zu ermahnen. Der Pfarrer, in den theologischen Disziplinen wohl geübt und erfahren, der bereits in Höhenbusch bei Erkelenz seine theologischen Studien unter vortrefflicher Leitung vollendete und sich als 19jähriger Jüngling in Marienstadt noch 6 Jahre lang der scholastischen Theologie widmete, wollte sich ihre Zusprache keinesfalls gefallen lassen, wies dieselbe vielmehr als unberufene Anmaßung zurück.

 "Helene", sagte er zu ihr, "haltet euch an eure Arbeit und kümmert euch nicht um Dinge, die euch nichts angehen!" Zu drei verschiedenen Malen kam sie zu ihm in ähnlicher Weise, ihm vorhaltend, daß er abgewichen von seinen früheren frommen Obungen, das Leiden und Sterben Christi zu wenig betrachte und sich bei dem neuen Pastoratsbau weltlichen Zerstreuungen überließe. Als sie zum drittenmal zum Pfarrhause hereinkam, kniete er selbst in seinem Kämmerlein nieder und bat Gott, ihn vor allen Versuchungen zu bewahren. Diese Lehre war ihm im Kloster eingeprägt worden. Er wies nun Helene wieder die Tür, und als dieselbe am Eingangstor angelangt war, frug mein Oheim sie: "Ich frage euch jetzt, Helene, als mein Pfarrkind und fordere Gehorsam: Wie ist euer Leben beschaffen?" Hierauf legte sie die Hand auf die Stirn, blieb einige Zeit in tiefem Nachdenken, dann sprach sie: "Ich habe dasselbe Recht, Sie zu fragen, wie Ihr Leben beschaffen ist. Aber aus Gehorsam will ich antworten: Von dem 13. Monat an ist mir die Mutter Gottes erschienen und hatte ich göttliche Einsprechungen. Jede Nacht halte ich in unserem Garten die Stationen und betrachte das Leiden und Sterben Christi. Drei Tage in der Woche faste ich. So oft ich über den Bach schreite, denke ich an den Bach Cedron. Wenn ich mich ankleide, denke ich an die Stricke des Erlösers usw." Der Pfarrer gab ihr dann den priesterlichen Segen und entließ sie mit dem stillen Gedanken, daß sie frömmeren Übungen obläge als er selbst . . . Zu dieser Zeit schrieb mein Oheim ein lateinisches Werk unter dem Titel "Summum sacerdoticium et judicio Aaronis". Dieses Werk war ihm sehr lieb geworden. Jeden Tag schrieb er ein oder das andere Kapitel. An einem Morgen fiel ihm ein, daß die Herausgabe desselben zu kostspielig und zu schwierig sei, somit die ganze Arbeit vielleicht unnützlich. Zum erstenmal wurde ihm die Arbeit gleichgültig. Da meldete sich nach der Messe abermals Helene, und als sie hereintrat, sprach sie: "Gott schickt mich, Dir zu sagen, Du sollst fortfahren, Dein Buch zu vollenden, denn was darin geschrieben, ist nicht menschlicher, sondern göttlicher Art." Mein Oheim, darüber erstaunt, daß Helene um seine stille Arbeit wußte, die niemand kannte, hatte noch keine Erwiderung gefunden, als Helene schon hinzufügte: "Gott sagte, Du sollst Dir aber nichts darauf einbilden, denn ich als ein ungelehrtes Weib, werde noch ein weit schöneres Buch schreiben können, und Gott befiehlt, daß Du dem Werke dienst und schriftlich aufnimmst, was Gott der Welt offenbaren will." Nachdem nun Helene seine innersten Gedanken und verborgenen Dinge ihm geoffenbart, begann er, ihren Äußerungen eine größere Aufmerksamkeit und ihrer Person eine höhere Achtung zuzuwenden, zumal er als Pfarrer von der Heiligkeit ihres Lebenswandels die innerste Oberzeugung hatte. Mein Oheim berichtete über Helene, daß sie keine frömmelnde Quissel gewesen sei. Sie war heiter und offen, im gewöhnlichen Leben wie die anderen Menschen zugänglich, von Gestalt groß und hager. Ihr Gesichtsausdruck war ernst, aber in ihren Augen wohnte die Gottheit. Sie trug sich immer reinlich und anständig . . . In ihrer bäuerlichen Wohnung war alles sauber und ordentlich. Sie war fleißig und tätig für den Unterhalt der Ihren. Bei geringem Vermögen lebte sie anständig, ohne je eines anderen Menschen Hilfe zu begehren. Durch seine Überzeugung überwunden, ließ sich mein Oheim endlich dazu bewegen, ihre Offenbarungen schriftlich aufzunehmen. Fast täglich hatte sie mehrere Stunden ununterbrochen ohne Anstoß, ohne je ein Wort zurückzunehmen oder zu verändern, ihre Schauungen in die Feder gesagt. Meine Mutter war bei diesen Vorträgen zuweilen gegenwärtig und beschrieb ihre Haltung folgendermaßen: "Sie stand aufgerichtet, bleich, gleichsam leidend, mit geschlossenen Augenlidern, ruhig und besonnen, sich ausbreitend über die wichtigsten Gegenstände, von Überspannung nicht die mindeste Spur, wohl aber ein feierlicher Ernst." Am 26. Oktober 1785 schloß Helene mit Wilhelm Horst aus Hürth den Bund der Ehe. Das von ihr in die Feder gesagte Werk schwoll zu einer ungeheuren Größe; ein Ries Papier reichte kaum hin, ihre Vorträge aufzunehmen, welche mein Oheim allnächtlich abschrieb . . . Zu dieser Zeit hielt Helene große religiöse Umzüge, woran vorzugsweise alle Nachbarschaften teilnahmen. Dieses hatte das Einschreiten der französischen Besatzung zur Folge, und mit roher Hand wurden Helene und viele ihrer Brudermeister nach Köln ins Gefangenenhaus gebracht. Am 18. Juni 1799 umstellte in der Nacht eine Reiterschar das Pfarrhaus und riß meinen Oheim, sobald der Tag graute, aus seiner Ruhe und schleppte ihn wie einen Gefangenen nach Köln unter vielen Lästerungen wider Gott und sein Heiligtum. Gleichzeitig wurden Nachforschungen angestellt über das niedergeschriebene Werk; man witterte darin eine österreichische Verschwörung. Seine Schwester Scholastika hatte das Buch aus Vorsicht nach dem Kloster Blatzheim gebracht. In Köln gab mein Oheim vor dem Untersuchungsrichter das Versteck des Buches an, in der Zuversicht, es vom Untersuchungsrichter unversehrt zurück zu erhalten. Die Prüfung begann. Auch Helene wurde verhört. Der Präsident Kay ließ Helene sich besonders vorführen und frug sie allein, wie es gekommen, daß er sie gesehen im Glanze vor sich stehen, worauf Helene erwiderte: "Gott wußte, daß Du ein ungläubiger Mann bist, und er hat Dich bewegen wollen, seinem Werke nicht hinderlich zu sein." Der Präsident ließ in der Tat, durch die auffallende Erscheinung bewegt, meinen Onkel rufen, übergab ihm das ungeheure Buch und entließ ihn mit den Worten: "Nun machen Sie, daß Sie wegkommen!" Schon im Jahre 1779 waren dem Kurfürsten Maximilian Franz, Erzbischof von Köln, durch einen kurfürstlichen Vertrauten einzelne Teile des Werkes und Briefe zugestellt worden. Der Generalvikar, der zu jener Zeit auch gefangen saß, hoffte, die Prüfung des Buches vornehmen zu dürfen, allein das große Werk war an den Kurfürsten selbst gerichtet, ganz nach den Vorschriften des heiligen großen Kirchenrates von Trient, welches bestimmt: "Wer vorgibt, Prophezeiungen zu haben oder im Besitz von Prophezeiungen ist, soll dieselben dem ordentlichen Bischof zur Prüfung vorlegen!" Diese Stelle war der Oberschrift beigefügt, und so erfüllte mein Oheim als strenger Katholik genau die Vorschriften der Kirche. In Begleitung eines vertrauten Boten trug nun mein Oheim das Buch nicht ohne Gefahr durch die französische Besatzung über die Grenze nach Ellingen, woselbst der Kurfürst verweilte und übergab ihm die Offenbarungen der Helene. Er sagte mir einst, er habe oft darüber nachgedacht, ob er auch wirklich eine göttliche Sendung gehabt und sich zu seiner Beruhigung erinnert, daß er im Augenblick der Obergabe dem Kurfürsten eine Eröffnung gemacht, die niemand außer dem Kurfürsten hätte wissen können. Hierauf habe er die Worte hinzugesetzt: "Hier ist das Wort Gottes, unser Eigentum und Euer Leben, und nun sollst Du Gottes Willen tun!" Der Kurfürst, überaus wohlwollend, erteilte meinem Oheim den Erzbischöflichen Segen und erwiderte: "Freilich will ich Gottes Willen tun." Nun begann eine langwierige Prüfung und Auseinandersetzung mit dem Werke durch die kurfürstlichen Räte. Sie dauerte über acht Monate. Während dieser Zeit weilte mein Oheim in Marienstadt, um alle Fragen, die wöchentlich oder oft täglich vom kurfürstlichen Hofe zu ihm gelangten, zu beantworten. Dunkle Stellen waren aufzuklären, andere in Zusammenhang zu bringen, über erfüllte und nicht erfüllte Weissagungen Aufschlüsse zu geben. An einem Tage gelangten durch kurfürstliche Eilboten über 15 Fragen nach Marienstadt. Mein Oheim erzählte: "Es war mir, als hätte sich mein Geist verdunkelt. Keine einzige Frage konnte ich gründlich beantworten. Ich zog den gelehrten Kellner, einen feinen Weltmann und Gottesgelehrten hinzu. Allein wir beide waren nicht in der Lage, die verlangten Aufschlüsse zu geben. Und siehe, da klopfte es an die Tür, und Helene tritt herein mit dem Gruß: "Gelobt sei Jesus Christus!" Sich demütig verneigend, spricht sie: "Ihr Herren, ich muß Euch aus der Not helfen." Vierzig Stunden hatte sie zurückgelegt, um zur rechten Zeit ihre Vermittlung anzubieten. Nach Erledigung der Fragen ließ sie dem Kurfürsten folgenden Brief schreiben: "Du und Deine Räte haben das Werk mit menschlichen Augen betrachtet. Hättet Ihr es mit göttlichen Augen angesehn, würdet Ihr sofort die Wahrheit erkannt haben. Laß alle Weisen zusammenkommen und frage sie, ob sie solches hätten denken können. Kein Prophet hat jemals deutlicher gesprochen. Du selbst glaubst daran und willst es Deinen Räten verbergen. Laß den Pfarrer zu seiner Gemeinde zurückkehren, wo Gott sich einen Gnadenort erwählt hat und wo jedes Gebet des Pfarrers mehr wert ist als alle unfruchtbaren Erörterungen." Auf dieses und andere Anschreiben fand sich der Kurfürst bewogen, von seinem Vorhaben, meinen Oheim zum Obern des Klosters ernennen zu lassen, abzusehen und ihn in seine Pfarre zurückkehren zu lassen. Die Reisekosten bestritt der Kurfürst. " Pfarrer E. Heinen schreibt am Ende seiner Aufzeichnungen: "Die Reinheit und Heiligkeit ihres Wandels ist über jeden Zweifel erhaben. Sie darf nicht verwechselt werden mit den Hellseherinnen des Justinus Kerner, deren Hellsehen Folgen krankhafter Zustände waren. Sie schaute hell, weil Gott ihr innewohnte. Über den Unterschied beider Zustände hat der große Görres eine vortreffliche Abhandlung geschrieben." (Damit schloß auch das Büchlein über Helene Wallraf, das 1849 im Verlag Kreuder in Euskirchen erschien.) 

Literaturnachweis 1 . Jahrbuch des Kreises Bergheim, Jahrgänge 1936 1939 2. Geschichte der Burgen, Rittergüter, Abteien und Klöster in den Rheinlanden von Frh. von Mering 3. Das linksseitige Rheingebiet unter der Herrschaft der Franzosen 1792 1813, von Heinr. Steinmetz4. Heimatkunde des Kreises Bergheim, Noll 1912 5. Die Kunstdenkmäler des Kreises Bergheim IV. Band, von Clemen, L. Schwann, Düsseldorf 1899 6. Sammlung und Übersetzung aus "Laccomblett", von der Burg7. Eine moderne deutsche Mystikerin, von Karl Richtstätter S.J., Herder & Co. G.m.b.H. 1928 8. Statistik des Regierungsbezirks Köln, von Fr. Halm 1865 9. Handbuch des Erzbistums Köln, Ausgabe 1956 10.Niederschriften, Urkunden und Aufzeichnungen des Heimatforschers Rektor Matthias Klein, aus dem Privatarchiv des Herrn Toni Klein. Brüggen